2013 Besichtigung FAS

Passend zum diesjährigen Motto VISIONEN, wurde eine Schule besucht, in der Schülerinnen und Schüler täglich selbst entscheiden, was sie wann mit wem und wo lernen möchten.

Wir wurden empfangen von Geschäftsführerin Gabriele Groß und einer ehemaligen Mutter, die noch ehrenamtlich für die Schule tätig ist, obwohl ihre Tochter die Schule erfolgreich beendet hat und als Austauschschülerin in den USA weilt.

Wie entstand die FAS, was war die Vision?
Aufgrund einer Zeitungsanzeige fanden sich 2001 ein paar Eltern zusammen, die eine andere Art von Erziehung wollten, welche die Bedürfnisse des Kindes in den Mittelpunkt stellt in einer Umgebung, die diese Bedürfnisse unterstützt und fördert – z.B.: Ein Kind kommt vom Liegen ins Krabbeln ins Stehen in seiner jeweils eigenen Geschwindigkeit und aus eigenem Antrieb.
Mit viel Idealismus wurde ein pädagogisches Konzept erarbeitet – orientiert an Reformpädagoginnen wie Rebecca Wild und Emmi Pikler, welches dem Schulamt, dem Kultusministerium und dem Regierungspräsidium vorgelegt und von diesen anerkannt werden musste, was lt. Frau Groß ein zäher und nervenaufreibender Prozess gegen zahlreiche Wiederstände war. Obwohl eine Woche vor Schulbeginn 2002 noch kein fertiger Raum zur Verfügung stand, wurde mit 10 Kindern verschiedenen Alters mit einer Lehrerin gestartet, die erste Schulwoche musste noch „im Freien“ stattfinden, bis das Klassenzimmer fertig war.
Inzwischen besuchen 120 Kinder und Jugendliche die FAS und aufgrund des beständigen Wachstums mussten 4 mal neue Räumlichkeiten gesucht werden und mit großem Elternengagement und chronischem Geldmangel jedes Mal die Umzüge in irgendwelche Baracken oder sonstige „Provisorien“ sowie die jeweiligen Renovierungsarbeiten gestemmt werden. Die Schule hat sich zu Beginn mit einem Bankkredit, Elternkrediten und Schulbeiträgen finanziert, da sie erst nach drei Jahren staatliche finanzielle Unterstützung erhielt und ist auch heute noch auf Elternbeiträge und -mitarbeit angewiesen. Jedoch reicht dies Geld immer nur für das Nötigste und ist eigentlich immer zu wenig. Seit drei Jahren gibt es endlich auch einen Kindergarten mit 20 Kindern, der vorher aus finanziellen und Platzgründen nicht möglich war.

Wie sieht der Schulalltag aus?
Jeden Morgen wird ein Morgenkreis abgehalten, an dem die Kinder erfahren, was es für Angebote am Tag gibt, dann aber entscheiden die Schüler ganz frei, was sie tun möchten. Die Schule arbeitet mit dem Begriff „vorbereitete Umgebung“, d.h. die Räume sind gestaltet mit einer Vielzahl an Materialen wie Montessori-Material, einer Werkstatt, naturwissenschaftlichem Material und einem großen Abenteuerspielplatz-ähnlichem Außenbereich. Bei schönem Wetter halten sich die Grundschüler fast ausschließlich im Freien auf, während die Älteren in Lerngruppen oder einzeln arbeiten und die anwesenden Lehrer ansprechen, wenn sie Hilfe benötigen. Es gibt Angebote von Lehrern, aber auch von Schülern selbst oder Eltern die aus „anderen Berufen“ kommen. Die Angebote orientieren sich am allgemeinen Bildungsplan, es ist alles da, was gebraucht wird, die Schüler bekommen eine Orientierung, was an Wissen und Können nötig ist, um einen Schulabschluss zu machen. Was sie davon aber in Anspruch nehmen, womit sie sich beschäftigen möchten, bleibt ihnen völlig selbst überlassen. Der Anspruch der Schule hierbei ist ein prozessorientiertes Lernen und Arbeiten, bei dem die innere Entscheidungsfreiheit der Schüler gestärkt wird. Allerdings gibt es auch Schüler, die damit überfordert sind und Anleitung brauchen. Da die Kinder eine Vielfalt an Persönlichkeit mitbringen, es sehr zielgerichtete Kinder gibt, aber auch solche, die die Dinge ausgesprochen langsam angehen, muss genau und differenziert beobachtet werden, wann ein Kind „nur“ langsam ist oder wo eine Blockade oder ein Problem besteht. Dies erfordert umfangreiche Kompetenzen, ständig neue Fragestellungen und viel Flexibilität von den beteiligten Erwachsenen.

Wie sieht es mit Schulabschlüsse aus?
Grundsätzlich hat jeder Schüler die Freiheit, einen Abschluss zu machen, oder auch nicht. 2012 gab es die ersten Hauptschulabschlüsse und 2013 wird es die ersten Realschulabschlüsse geben. Da die Schule „nur“ genehmigt, nicht aber „anerkannt“ ist, müssen Prüfungen an staatlichen Schulen abgenommen werden. Es gibt Schüler – vor allem Mädchen – , die in der 8. Klasse entscheiden, Abitur zu wollen und dann mit großer Lust am Lernen auf die Realschule oder ein Gymnasium wechseln. Und erst dann ihre komplett andere Sozialisation wahrnehmen, wenn sie dort auf Schüler treffen, die keine Lust und Motivation zum Lernen haben.

Wie sieht die Zukunft der FAS aus?
Eltern sind mit Unsicherheiten und Ängsten behaftet, die durch gesellschaftlichen Druck, Leistungsorientierung und durch Medien geschürt werden. Das offene Konzept der Schule beruht aber nicht auf „Sicherheit“, was eine große Herausforderung für alle Familien darstellt. Daher kann es sein, dass Eltern sich vermehrt an die vermeintliche Sicherheit von Regelschulen halten. Es gibt ein umfangreiches Aufnahmeverfahren, da es keinen Sinn hat, Kinder aufzunehmen, deren Eltern sehr leistungsorientiert oder sich nicht einig sind. Wie sich die Entwicklung der Gemeinschaftsschule und der Geburtenrückgang auf die Zukunft der FAS auswirkt ist nicht absehbar, wobei das Dasein begründet auf Unsicherheiten in der FAS fast ein Normalzustand ist …

Nach diesen interessanten Ausführungen wurden wir durch die Räume des Kindergartens und der Schule geführt und bekamen einen Eindruck, wie viel Arbeit hinter der FAS steckt, aber auch wie liebevoll, unkonventionell, eigenwillig, humorvoll und abenteuerlich die Schule gestaltet ist und zum spielen, lernen, entdecken einlädt.jf

http://www.fas-stuttgart.de/

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