2012 Besuch eines frauengefürten Unternehmens

Im Jubiläumsjahr zum zehnjährigen Bestehen des frauen-unternehmen e.V. Kirchheim unter Teck besuchten die Netzwerkerinnen ein frauengeführtes Unternehmen mit besonderer Tradition: in der andauernden Firmengeschichte seit 1831 standen über lange Strecken Frauen an der Spitze des Medienhauses Senner.

Johann Georg Senner erlernte den Beruf des Buchdruckers und am 12. Mai 1831 erschien die 1. Ausgabe des neuen Wochenblatts in Nürtingen aus seiner eigenen Buchdruckerei. Schon neun Jahre später kam das Wochenblatt dienstags und samstags heraus.

1842 stirbt Johann Georg Senner 39-jährig, doch seine Frau Karoline übernahm das junge Unternehmen und führte es beherzt weiter. Nach ihrem Tode 1860 ging die Druckerei an den Sohn Johann Gottlieb über. Das Wochenblatt erschien ab 1865 dreimal die Woche: dienstags, donnerstags und samstags.

Nach dem Tode Johann Gottliebs 1884 wurde die Druckerei unter der Leitung seiner Witwe Johanna weiter ausgebaut. Damit die Druckmaschine nicht mehr mit einem Schwungrad von Hand betrieben werden musste, schaffte Sie den ersten Gasmotor an und das Wochenblatt erschien erstmals täglich. 1904 zog sich Johanna aus dem Arbeitsleben zurück und übergab die Geschäfte an ihren Sohn Gustav.

In der Zeit des ersten Weltkrieges übernahm zum dritten Mal in der Firmengeschichte eine Frau die Führung des Unternehmens. Männer waren rar und Gustavs Ehefrau Emilie stieg ins Geschäft mit ein, damit ihr Mann am Setzkasten arbeiten konnte. Emilies Schwiegermutter Johanna starb am 22. Mai 1931 – zehn Tage nach dem 100-jährigen Jubiläum der Firma.

Nach der NS-Zeit und den Wirren des 2. Weltkrieges durften die Senners 1949 wieder eine freie Tageszeitung herausgeben. Emilie Senner starb überraschend 1953, Gustav folgte ihr 1954. Da die beiden keine Kinder hinterließen, übernahm Trude Maier, eine Großnichte Gustavs, den Betrieb und führte ihn weiter. Seit 1997 ist ihre Tochter Monika Krichenbauer in der Geschäftsleitung tätig, mittlerweile in der 5. Generation.

Monika Krichenbauer begrüßte die Netzwerkerinnen im Druckhaus und übergab den Staffelstab an Petra Haussmann, Chefsekretariat und Marketing, die der Gruppe einen kurzen Abriss der Geschichte von den Lettern gab: Johannes Gensfleisch, der sich später Gutenberg nannte, hatte 1445 den Buchdruck erfunden. Er wollte, daß Bücher ein einheitliches Schriftbild haben, denn damals wurden Bücher zur Vervielfältigung abgeschrieben. Gutenberg hatte die Idee, aus Buchstaben Stempel zu machen. Die Buchstaben wurden in hölzernen Schubladen vorgehalten, sortiert nach unterschiedlicher Schriftgröße und Schriftart. Notabene: wenn früher sich ein falscher Buchstabe im Druck eingeschlichen hatte, so nannten es die Setzer „Zwiebelfisch“. Der Bleisatz ist in den 70ger Jahren abgeschafft und durch Foto-/Digitalsatz ersetzt worden.

Während die Redaktionen sich um inhaltliche Themen kümmern, wird in der Druckvorstufe bereits am Seitenlayout gefeilt. Texte werden auf Fehler überprüft, Bilder eingepasst und Anzeigen positioniert, erfahren die Besucherinnen auf ihrem Rundgang. Aus diesen hier zusammengestellten Seiten entstehen hernach mit einem hochmodernen „computer-to-plate“-Verfahren die Offset-Druckplatten für die Vervielfältigung. Das spart Zeit und ermöglicht den Redakteuren eine aktuelle Berichterstattung.

Eine Zeitung besteht aus drei Teilen: dem Mantel mit Politik, Wirtschaft, Panorama, Baden-Württemberg sowie dem überregionalen Teil - dem Lokalteil, der im Hause Senner hergestellt wird, und dem Anzeigenteil. Früher wurde eine Zeitung zu zwei Dritteln aus Anzeigen und einem Drittel aus Abonnenten finanziert, seit einigen Jahren liegt das Verhältnis bei ca. 50 zu 50, erklärte Frau Liane Baldser, die nun den Rundgang durch das Haus weiterführte.

Um 0.30 Uhr kann mit dem Druck der Zeitung begonnen werden. Dafür steht das technische Kernstück der Zeitungsproduktion bereit: eine 20 m lange und 220 Tonnen schwere Rollenoffsetdruckmaschine, die Geoman.

Nachdem die Druckplatten in die Goman eingelegt wurden, druckt sie die fast 23.000 Exemplare der Nürtinger Zeitung in rasender Geschwindigkeit ohne Unterbrechung Seite für Seite. Bunt entsteht beim Drucken durch die Farben Cyan (Blau), Magenta (Rot), Yellow (Gelb) und zusätzlich Schwarz (CMYK). Deshalb spricht man bei Vollfarbendruck vom Vier-Farben-Druck.

Die Rollenoffsetdruckmaschine wird mit fliegendem Papier-Rollenwechsel betrieben. Das ermöglicht ein unterbrechungsfreies Weiterdrucken nach dem Aufbrauchen einer Papierrolle bei unverminderter Maschinengeschwindigkeit.

Wie lange die vorige Rolle noch läuft, kann der Rolleur auf dem Display der Geoman ablesen. Eine Rolle von 1,4 Tonnen liefert im Durchschnitt für 60 Minuten Papier, bis dahin muss die neue Rolle im gegenüberliegenden Teil der Tandemaufhängung startklar sein. Der Rolleur bereitet jeden Rollenwechsel mit größter Sorgfalt vor, denn das Papier darf keinesfalls Falten werfen. Aus dem Rollenlager wurde bereits eine neue Rolle in die Nähe der Druckmaschine gefahren und auf dem vorgesehenen Rollenschlitten abgesetzt. Der Rolleur schiebt die tonnenschwere Papierrolle parallel zu den Greifarmen der Rollenapparatur und bringt sie in die Vorrichtung ein. Die Feinarbeiten für den Rollenwechsel können beginnen: zuerst wird das Ende der Papierbahn von innen nach außen mit kleinen vorgestanzten Klebestreifen an der Rolle festgeklebt. Daraufhin werden nach einem ausgeklügelten System von außen nach innen weitere Klebestücke auf die Klebestreifen aufgebracht. Zum Schluss werden die dabei verstärkten Seitenenden der Papierbahn auf ein kurzes Stück konisch zugeschnitten. Die neue Papierrolle ist für den Wechsel positioniert.

Wenn die alte Papierrolle sich dem Ende zuneigt, bringt ein Antriebsband die neue Rolle auf die gleiche Geschwindigkeit wie die alte. Die beiden Rollen bewegen sich langsam aufeinander zu und im Moment der Berührung wird die neue Rolle angeklebt und die alte Rolle abgetrennt. Der Rollenwechsel ist vollzogen und der Mechanismus schiebt das Gestänge der alten Rolle nach vorne, damit die Reste abgenommen werden können und das Procedere von neuem beginnen kann.

Die bedruckten Papierbahnen werden in der Geoman vollautomatisch ineinandergelegt, gefalzt und geschnitten. Die fertigen Zeitungen werden über Förderbänder zur Einsteckmaschine gebracht, die nun ebenfalls vollautomatisch Prospekte und Beilagen hinzufügt. In einem weiteren Arbeitsschritt werden die Zeitungen zu handlichen Stapeln verpackt und für die individuelle Auslieferung vorbereitet. Ab 2.00 Uhr gehen die frisch gedruckten Zeitungen an die Zusteller raus. Ab 6.00 Uhr morgens können Sie an den Frühstückstischen der Haushalte gelesen werden.

Beim anschließenden Get Together wurden weitere Informationen über Senner Medien ausgetauscht. Wie wichtig es ist, dass nicht nur Tageszeitungen wie die Nürtinger Zeiung und die Wendlinger Zeitung hier gedruckt werden, sondern auch der Akzidenzdruck eine große Rolle spielt. Akzidenzen sind Plakate, Broschüren, Bücher, Briefbögen, Kataloge, Visitenkarten usw. Sie werden ausschließlich auf Einzelbögen gedruckt und sind auch in kleinen Auflagen erhältlich. Auch mit Internet-Dienstleistungen steht das Haus Senner seinen Kunden seit mehr als zehn Jahren zur Verfügung.

Senner Medien betreibt intensiv Nachwuchs-Leseförderung. Schon im Vorschuljahr des Kindergartens wird regelmäßig das Projekt „Zeitungstreff im Kindergarten“ umgesetzt. Im Projekt „Zeitung in der Grundschule“ dürfen die SchülerInnen in der 4. Klasse unter anderem eine ‚Schülerzeitung’ entwerfen. Für die 7. und 8. Klassen aller Schularten ist das Projekt „Zeitung in der Schule“ vorgesehen. Bei den ersten beiden Projekten ist die Zeitungsente Paula Print nicht mehr wegzudenken.

Das Ölgemälde im Foyer der Senner Medien zeigt übrigens Johanna Senner, die das Unternehmen von 1884 bis 1904 leitete und zehn Tage nach dem 100-jährigen Jubiläum der Firma verstarb.

Das UnternehmerinnenNetzwerk dankt Senner Medien sowie den Gastgeberinnen Monika Krichenbauer, Petra Hausmann und Liane Balzer herzlich für die sehr informative und interessante Betriebsführung. bm

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