2011 Unternehmerinnen in Afrika

Wie gelingt es Frauen in Afrika, trotz schwieriger Umstände, Unternehmen aufzubauen und wirtschaftlich erfolgreich zu sein? Ausgezehrte Kinder mit großen Augen, Entwicklungshelfer, die Reis an Hungernde verteilen, verzweifelte Väter und hilflose Mütter – diese Bilder aus Afrika kennt man. Dass sie nur einen Teil der Wahrheit zeigen, wurde beim Vortrag von Dr. Ute Röschenthaler im Kirchheimer Spitalkeller deutlich.

Die Initiatorinnen des Frauenwirtschaftstags hatten die Ethnologin eingeladen, um zu erfahren, wie es Frauen in Afrika trotz widriger Umstände gelingt, wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Die Hausfrau, die sich ausschließlich um die Kindererziehung kümmert, während der Mann zur Arbeit geht, gibt es in Afrika nicht. „Anders als in Europa wird von Frauen erwartet, dass sie unternehmerisch tätig sind“, so Ute Röschenthaler. Auch in konservativen Ehen ist es absolut unüblich, dass die Frauen ihr Geld an den Mann abgeben. Beide erwirtschaften eigenes Geld und steuern ihren Teil zum gemeinsamen Haushalt bei. Die Frauen bezahlen die Schulbildung ihrer Kinder und sind stolz darauf.

Schon Anfang des 20. Jahrhunderts gab es in Afrika mächtige Unternehmerinnen. „Das änderte sich während der Kolonialzeit, weil das Kolonialrecht Männer begünstigte und Mädchen den Zugang zu Bildung erschwerte“, berichtete Ute Röschenthaler. Für die Europäer waren wirtschaftlich erfolgreiche Frauen völlig undenkbar. Ein großer Unterschied zu Europa ist, dass in Afrika die meisten Unternehmerinnen im informellen Sektor agieren. Sie designen und nähen in Hinterhöfen Kleider aus Damast, organisieren Kulturveranstaltungen, verkaufen am Straßenrand Gemüse oder bereiten Snacks zu, die ihre Kinder in der Nachbarschaft verkaufen. „Während in Europa der informelle Sektor weitestgehend zurückgedrängt und kriminalisiert ist, haben die meisten afrikanischen Unternehmen keine Lizenz und bezahlen auch keine Steuern“, so Ute Röschenthaler. Das bedeute jedoch nicht, dass diese Unternehmen illegal seien. Viele sähen es nur nicht ein, Steuern zu bezahlen, wenn sich an der Infrastruktur ohnehin nichts verbessere. Diese Frauen vertrauten lieber auf ihre eigenen Netzwerke und Berufsverbände, an die sie regelmäßig Abgaben zahlten. Die meisten seien Mitglieder in Spar- und Kreditvereinen, mit deren Hilfe sie neue Investitionen tätigen könnten. „Man kann natürlich fordern, die informellen Unternehmen zu verbieten“, so Röschenthaler.

Es sei allerdings zu befürchten, dass eine Formalisierung auf Kosten der Frauen gehen würde. „Ich hoffe, ich konnte Ihnen zeigen, dass Afrika wirtschaftlich gar nicht so desolat dasteht, wie es die Zahlen der Weltbank darstellen“, sagte Dr. Ute Röschenthaler, das liege unter anderem daran, dass die Zahlen aus dem informellen Sektor nicht in die Statistik einflößen. Dass niemand Geld in der Tasche habe, bedeute nicht, dass alle Afrikaner arm seien. „Es bedeutet nur, dass Geld immer sofort reinvestiert wird.“ In der anschließenden Diskussion widersprach die Ethnologin der Behauptung, dass die Globalisierung die wirtschaftlichen Strukturen in Afrika zerstöre und sich das Land den Verlockungen des Westens nicht widersetzen könne. „Sicherlich ist der Wettbewerb schärfer geworden“, sagte sie. Aber gerade im Nahrungsmittel- oder Textilbereich treffe der Westen häufig nicht den afrikanischen Geschmack. Sicherlich werde nicht jede Frau reich. „Aber warum soll man nicht auch einmal Erfolgsgeschichten afrikanischer Frauen erzählen?“  (TECKBOTE)

Der Verein „Frauen aus aller Welt“ bereicherte den Abend mit leckerem Fingerfood                       

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