2008 Schiedmayer - Celesta

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Besichtigung von frauengeführten Unternehmen“ hatte das Unternehmerinnen-Netzwerk Kirchheim/Teck zur Betriebsstätte der Schiedmayer Celesta GmbH nach Wendlingen geladen. Elianne Schiedmayer leitet ein Unternehmen mit Tradition. Seit über 270 Jahren werden in der Firma Tasteninstrumente und Tastenglockenspiele hergestellt und im kommenden Jahr 2009 feiert das Unternehmen 200jähriges Bestehen des Stammsitzes in Stuttgart.

Frau Schiedmayer empfing die 17 Teilnehmerinnen in einem weitläufigen Raum. Die hier ausgestellten Prachtstücke aus früheren Jahrhunderten vermitteln einen lebhaften Eindruck von der Kunstfertigkeit vergangener Zeiten, in denen solche Instrumente ausschließlich in Handarbeit hergestellt wurden. Damals gehörten Flügel, Klaviere und Harmonien noch zur Produktpalette. Die Handarbeit ist geblieben. Seit 1982 spezialisiert sich das Haus Schiedmayer jedoch auf den Bau von Celesten und Tastenglockenspielen und stieg damit zum Weltmarktführer auf.
Schiedmayer ist weltweit die einzige Firma, die Celesten (1886 vom Franzosen Victor Mustel erfunden) baut. Bei der Celesta-Mechanik werden die Klangplatten, die über den Resonatoren plaziert sind, von oben mit Filzhämmern angeschlagen. ‚Würden die Klangplatten von unten angeschlagen werden’, so Frau Schiedmayer, ‚könne sich der Klang nicht so voll entfalten. Zudem würde es sich dann um ein anderes Instrument mit eigener Konstruktion und eigenem Namen handeln’.
Elianne Schiedmayer übernahm die Leitung der Firma nach dem Tode ihres Mannes Georg 1992. Die gebürtige Haitianerin bringt ihre Erfahrung als Pianistin und Musikpädagogin ein und lenkt mit Geschick und Weitsicht die Geschäfte des Unternehmens. So gibt es heute kein Opernhaus oder Orchester, keine Musikhochschule und kein Rundfunkstudio von Rang, ohne eine Schiedmayer Celesta.
Unser Rundgang durch die Produktionshalle führt uns in die Schreinerei. Der Duft von frisch gesägtem Holz liegt in der Luft. Von der Decke bis zum Boden lagert Holz und wartet auf die Weiterverarbeitung. Der Länge nach durchgesägte Baumstämme liegen mit dazwischengelegten Stapelhölzchen wieder so im Regal als wären die Stämme komplett. Die Stapelhölzchen sorgen dafür, dass die Luft zwischen den Brettern zirkulieren kann.

Das Spielwerk der Instrumente besteht aus kleinsten komplizierten Holzteilchen mit dünnen und dickeren Löchern durchbohrt, mit Rundungen, Ecken und Kanten. Alle noch so kleinen Holzteile werden hier hergestellt. Die Bewegung der Mechanik darf nicht zu hören sein und muss gangbar bleiben. Deshalb werden die Teile mit Filz belegt, ausgekleidet und ummantelt, wo es nötig ist. Die Resonatoren sind die eigentlichen Tonträger der Celesta. Sie werden aus hartem, lange abgelagertem Buchenholz gefertigt.

Im Werkraum nebenan werden Metallteile gebogen und Klangplatten zugeschnitten. Der eigens dafür gefertigte Klang-Stahl wird auf Länge und Dicke bearbeitet und gestimmt. Das Gehäuse der Instrumente wird gesägt, angepasst, verschraubt und lackiert. Der Zusammenbau der Celesta erfolgt in Etappen. Der heikelste Teil ist das einwandfreie Funktionieren des Spielwerks. Die Tasten am Instrument werden angeschlagen, über eine komplizierte Mechanik die Filzhämmer bewegt, die Filzhämmer schlagen auf die über den Resonatoren angebrachten Klangplatten, die darauf liegende Dämpferfilze heben und senken sich für einen Wimpernschlag und die Töne erklingen.

Nach der Fertigstellung verbleibt jedes Instrument noch für ein bis zwei Wochen im Hause. Es wird bespielt und geprüft und erst nach der Endabnahme durch Elianne Schiedmayer kann es in einem extra dafür vorgesehenen Flight Case seine Reise per Luftfracht in die ganze Welt antreten.

Seit vielen Jahren vertraut Frau Schiedmayer auf die Kompetenz von Rainer Reutter, dessen Vater Friedrich schon in der Firma wirkte. „Das ist der Celestenbaumeister schlechthin“, so die Chefin beim anschließenden Stammtischgespräch der Unternehmerinnen in Kirchheim/Teck. Leider könne nach Angaben der IHK der Celestenbauer nicht zum Ausbildungsberuf gemacht werden, da er zu selten wäre und es nur einen Hersteller dieser Instrumente gibt.

Dass die Instrumentenbauer die gefertigten Stücke inzwischen wieder mit ihrem Namen signieren, - eine Tradition, die lange in Vergessenheit geraten war - ist für Frau Schiedmayer ein Zeichen, dass die Mitarbeiter sich mit dem Unternehmen in hohem Maße identifizieren.

Wir danken Elianne Schiedmayer und ihrer Belegschaft für den Einblick, den wir an diesem Nachmittag in die Welt der Musik bekommen haben.

Frau Schiedmayers Antrag auf Mitgliedschaft wurde mit Freuden angenommen. Wir heißen sie im Unternehmerinnen-Netzwerk frauen-unternehmen e.V. Kirchheim/Teck herzlich willkommen. bm

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