2006 Hochland Kaffee

Mitglieder des Unternehmerinnen-Netzwerks Kirchheim besichtigen jedes Jahr ein Unternehmen, das von einer Frau geführt wird: heuer das traditionsreiche Familienunternehmen Hochland Kaffee Hunzelmann GmbH & Co. KG in Stuttgart-Degerloch.

Die Kaffeerösterei wurde 1930 von Gustav und Antonie Hunzelmann gegründet. 1933 – nach dem Tod von Gustav, übernahm Antonie die Geschäfte bis ihre Söhne erwachsen waren. Rolf und Jürgen nun gaben die Manufaktur Ende der 90er wieder in die Hände einer Frau - Martina Hunzelmann.

Aber noch immer kommt ihr Vater Rolf halbtags in sein Büro - und ist als „Berufsrentner“ im Betrieb durchaus gern gesehen. Mit 85 Mitarbeitern und um die 1000 Tonnen Jahresproduktion ist Hochland die größte unter den kleinen Kaffee-Manufakturen in Deutschland. Der Frauenanteil unter den Beschäftigten des Unternehmens liegt bei 85%.

In einem Diavortrag erfahren wir alles über die Produktionsbedingungen der guten Bohne: von der Anzucht der Kaffeepflanzen bis zur Lieferung der Bohnen in die Rösterei – und es wird deutlich, daß hier nicht eine kühle Unternehmerin irgendeine Ware verkauft, sondern eine engagierte Unternehmerin, die mit Sachverstand und heißem Herzen für den Kaffee lebt, Qualität für Kenner liefert.

Die edelste Sorte - Coffea Arabica mit ihren kräftig roten Kaffeekirschen - wächst im Tarrazu-Hochland von Costa-Rica, in kühlen Hochlagen oberhalb 1600 Meter über Meereshöhe. Denn dort sind die empfindlichen Kaffeepflanzen weniger von Schädlingsbefall bedroht.

Als Lieferanten kommen nur ausgewählte Kaffeefarmen in Betracht. Oberstes Gebot dabei: fairer Preis für gute Qualität. So wurde Hochland auch im Jahre 2001 vom Präsidenten von Costa Rica für faire Handelsbeziehungen ausgezeichnet. Seit über 40 Jahren bestehen die Geschäftsbeziehungen zu den Farmern im Hochland – und wir spüren, daß es Frau Hunzelmann ein Herzensbedürfnis ist, jedes Jahr zur Kaffee-Ernte in Costa Rica zu sein.

Bei unserem Rundgang durch das Werk wundern wir uns über die geringe Lagerfläche, auf der die Säcke mit den Kaffeebohnen zur Verarbeitung bereitliegen. Der Hauptteil der Rohware wird in Hamburg zwischengelagert, erfahren wir, und wöchentlich nach Stuttgart transportiert. Die historischen Lagerhallen der Hansestadt eignen sich durch die Seeluft und das besondere Klima im alten Gemäuer besonders gut. Und so findet sich in Stuttgart auch noch Platz für Frau Hunzelmanns Sammlung antiquarischer Kaffeemaschinen, Kaffeekannen, Kaffeedosen usw. – die darauf wartet, irgendwann in den Räumen der Manufaktur als kleines Kaffeemuseum präsentiert zu werden.

Viel handwerkliches Können und Erfahrung verlangt der Röstvorgang: Hochland Kaffee wird im aufwendigen Langzeitverfahren neun Minuten bei 200°C im Trommelröster geröstet. Und um den eingeführten Markennamen Feinkost Böhm auch nach Schließung der Firma zu erhalten, röstet Hochland seit ein paar Jahren in den gleichen Räumen nun auch Kaffee nach speziellem Böhmrezept. Am Ende wird der Kaffee in Aromaventil-Tüten abgefüllt: der Sauerstoff muß weichen, damit das Aroma bleibt. Wir erfahren, daß man Kaffee besser in der Tüte läßt und nicht umfüllt: am besten den Kaffee mitsamt der Tüte in eine Kaffeedose packen. Und – Kaffee sollte keinesfalls im Kühlschrank gelagert werden! (Er nimmt nämlich Gerüche an!)

Nach der Führung ergab sich dann noch Gelegenheit, verschiedene Kaffeesorten zu testen und mit Frau Hunzelmann zu plaudern. Unser Eindruck: eine Frau mit Ausstrahlung, die in sich ruht - und genau weiß, was sie will.
So hat sie an die Stelle der alten, eher patriarchalischen Managementstrukturen einen durch Herz und Verstand geprägten Führungsstil gesetzt. Ein Prozess der wohl Jahre dauerte, aber für Frau Hunzelmann war und ist es wichtig, daß sich die Mitarbeiter wohlfühlen, sie sollen stressfrei, mit Freude zur Arbeit kommen. Denn, so ihre Meinung: motivierte Mitarbeiter leisten mehr.
In liebenswerten kleinen Anekdoten wird deutlich, daß ein Leben mit drei Generationen unter einem Dach schon früh ihren Sachverstand und ihre Liebe zum Betrieb Hunzelmann prägten. Sie ist mit der Historie der Firma Hochland aufgewachsen, denn Großmutter hatte viel zu erzählen aus den frühen Tagen der Kaffeerösterei in Stuttgart. Und wenn Martina im Teenageralter morgens so manches Mal mit zu niedrigem Kreislauf zu kämpfen hatte, kam die Großmutter mit einer heißen Tasse Kaffee ans Bett und unterhielt die Enkelin mit Geschichten.

Der Besuch bei Hochland Kaffee gab ein schönes Beispiel dafür, daß Unternehmerinnen, die mit frischen Ideen und einem vernetzten Führungsstil ihren Betrieb nach der Maxime "Qualität vor Quantität" führen, genausoviel (wenn nicht mehr!) Erfolg haben können, wie Unternehmer, deren Hauptziel allein die Gewinnmaximierung ist. Wir sind sicher, viele von uns werden Kaffee ab sofort mit einem anderen Bewußtsein trinken.

Herzlichen Dank an die Hochland Hunzelmannfamilie und alles Gute für die Zukunft. bm

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